Über Vergeben, Verzeihen und Versöhnen

Vor wenigen Tagen bin ich über ein Zitat von C.S. Lewis aus seinem Essay „On Forgiveness“ gestolpert:

Vergeben und Verzeihen sind zwei völlig verschiedene Dinge. Vergeben sagt: „Ja, du hast diese Sache getan, aber ich nehme deine Entschuldigung an. Ich werde dir das nie vorhalten, und zwischen uns wird alles genauso sein, wie es vorher war.“ Doch Verzeihen sagt: „Ich verstehe, dass du nicht anders konntest oder es nicht so gemeint hast; du hast eigentlich keine Schuld.“ Wenn man eigentlich keine Schuld hat, braucht man auch keine Vergebung. In diesem Sinne sind Vergeben und Verzeihen beinahe Unterschiede.1C.S. Lewis, Ein Jahr mit C.S. Lewis, S. 223.

Diese Unterscheidung von Lewis finde ich sehr interessant. Vergeben heißt, der Tatsache der Schuld ins Auge zu sehen, aber sie selbst zu tragen, sie der anderen Person nicht mehr vorzuhalten und Versöhnung anzustreben. Verzeihen dagegen ist ein Entschuldigen der Sünde; statt Vergebung für meine Fehler bitte ich um Nachsicht. Das hat mich selbst herausgefordert: Möchte ich wirklich Vergebung, wenn ich andere darum bitte? Denn das würde ja voraussetzen, dass ich meine Schuld einsehe. Oder will ich letztlich nur eine Versicherung, dass es schon ok ist und der andere Mensch mir nicht mehr böse ist? Dann ist mein eigentliches Problem nicht die Schuld an sich, sondern die daraus entstandenen Folgen.

Gleichzeitig habe ich Lewis beim ersten Lesen so verstanden, dass Vergebung immer auch eine vollständige Wiederherstellung der Beziehung bedeutet („und zwischen uns wird alles genauso sein, wie es vorher war.“). Denn da bin ich anderer Meinung. Vergeben und Versöhnen sind zwar eng miteinander verbunden und ein vollständiger Vergebungsprozess schließt die Versöhnung der beiden Parteien mit ein.2Tim Keller, Vergeben, S. 29. Vergebung sucht immer auch nach Versöhnung – nach der Wiederherstellung der Beziehung. Versöhnung ist aber nicht garantiert. Denn dabei sind beide Parteien beteiligt: Wenn die schuldige Person nicht mit echter Reue und Lebensveränderung reagiert, bleibt die Beziehung kaputt. Das ist eine wirklich schmerzhafte Erfahrung. Aber dennoch kann ich als verletzte Person vergeben. Denn Vergebung ist eine einseitige Sache: Ich vergebe der Person, die an mir schuldig geworden ist, ungeachtet, ob diese Person um die Vergebung gebeten oder überhaupt sich ihres Fehlverhaltens bewusst ist. Ich entscheide mich, den erlittenen Schmerz zu tragen, halte ihn nicht mehr vor und verweigere mich dem Wunsch, den anderen dafür leiden zu lassen. Das heißt auch, dass ich der anderen Person freundlich, ja sogar liebevoll begegnen kann, auch wenn die Beziehung nicht mehr so wird wie zuvor. Denn wenn ich von Herzen vergeben habe, sehe ich nicht mehr jedes Mal das vergangene Unrecht, wenn ich an den anderen denke oder ihm begegne. Solche Vergebung ist nur möglich, wenn ich Gottes Vergebung meiner Schuld am eigenen Leib erfahren habe. Wenn ich mir bewusst bin, welche riesige Schuld Gott mir vergeben hat, verändert mich diese Erfahrung, dass ich selbst die geringe Schuld der anderen an mir vergeben kann (Mt 18,21–35).

Fußnoten

  • 1
    C.S. Lewis, Ein Jahr mit C.S. Lewis, S. 223.
  • 2
    Tim Keller, Vergeben, S. 29.
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