Vor einigen Tagen haben wir Erntedank gefeiert und uns über das gefreut, was in diesem Jahr gewachsen ist. An vielen Orten waren die Kirchen und Gemeindehäuser geschmückt mit verschiedenen Früchten und es wurden Predigten darüber gehalten, wie dankbar wir Gott sein können für das, was er uns geschenkt hat. Dabei ist es für uns selbstverständlich, dass diese Früchte nicht von allein kamen. Denn damit etwas wachsen kann, das wir dann später im Herbst ernten können, müssen wir zuerst im Frühjahr etwas säen. Wenn wir nichts säen, können wir auch später nichts ernten.
Einen Tag nach dem Erntedanksonntag war ich in meiner Bibellese bei den letzten Versen des Galaterbriefes. Paulus schreibt dort in 6,7–8:
Macht euch nichts vor! Gott lässt keinen Spott mit sich treiben. Was der Mensch sät, das wird er auch ernten. Wer auf den Boden seiner selbstsüchtigen Natur sät, wird als Frucht seiner Selbstsucht das Verderben ernten. Wer dagegen auf den Boden von Gottes Geist sät, wird als Frucht des Geistes das ewige Leben ernten.
Auch er spricht von Saat und Ernte. Ihm geht es dabei aber nicht um Kartoffeln, Karotten oder Kürbisse, sondern um unseren Charakter. Er sagt, dass Gott sich nicht verspotten lässt. Ohne Aussaat wird es keine Ernte geben. Wenn du nichts Gutes aussäst, darfst du keine gute Frucht erwarten. Das ist in der Natur so und auch in deinem Leben nicht anders. Gott macht für dich keine Ausnahme.
Ich glaube, niemand von uns will später einmal ein griesgrämiger Mensch sein. Niemand wünscht sich, im Alter verbittert zu sein, im Streit mit allen anderen zu leben und allein zu sterben. Die Frage, die der Text bei mir aufgeworfen hat, ist jedoch: Lebe ich jetzt so, dass ich später nicht so einen negativen Charakter erbe? Wenn wir später einen bestimmten Charakter haben wollen, müssen wir jetzt dafür die Saat aussäen!
In unserem Garten ist uns dieses Prinzip total klar. Wenn meine Frau Tomaten ernten will, muss sie dafür im Frühjahr die entsprechenden Pflanzen besorgen und einpflanzen. Und da nützt es auch nichts, wenn zwar der Wille da war, es aber halt nur noch Bohnensamen gab. Von Bohnensamen kommen später halt keine Tomaten raus. Wenn wir Tomaten wollen, müssen wir Tomaten pflanzen. Das ist soweit logisch.
Aber aus irgendeinem Grund scheinen viele Menschen zu denken, dass dieses Naturgesetz für ihr eigenes Leben nicht gilt! Sie denken, dass sie schon irgendwie „von allein“ so werden, wie sie gern sein wollen. „Von allein“ wird aber nichts besser – niemals! Im Gegenteil, es wird nur noch schlimmer. Das nennt sich das „Gesetz der Entropie“ (oder Zweiter Hauptsatz der Thermodynamik). Das sagt, dass ohne Einwirkung von außen (also „von allein“) in einem geschlossenem System die Ordnung immer weiter abnimmt. Der Tropfen Tinte im Wasserglas vermischt sich so lange, bis er sich ganz im Wasser aufgelöst hat. Ohne Einwirkung von außen wird mein Schreibtisch und mein Büro immer unordentlicher: Bücher stapeln sich, die Kaffeetasse der letzten Woche steht noch rum, leere Schokoladenverpackungen liegen verstreut. Mir gefällt zwar das „Gesetz der Entropie“ nicht wirklich, weil es so viel Arbeit verursacht, aber ich kann es nicht abschalten. Es ist eben Standard in einer „gefallenen Welt“.
Und genauso läuft es auch mit unserer Charakterentwicklung ab. Was musst du tun, um ein mürrischer, streitlustiger Mensch zu werden? Gar nichts! Du machst einfach so weiter wie bisher, drehst dich um dich und deine Interessen und der Rest kommt von allein. Um diesen charakterlichen Hang zur Unordnung (oder auch „Verfall“) aufzuhalten und umzukehren, musst du aktiv etwas dagegen unternehmen.
Und damit sind wir wieder bei dem Prinzip von Ernten und Säen. Wie soll dein Leben später mal aussehen? Wie willst du einmal sein, wenn du alt bist? Also, welche charakterliche Frucht willst du einmal ernten? Welche Eigenschaften sollen dich beschreiben? Wenn du dieses Ziel vor Augen hast, kannst du dich fragen: Was kann ich jetzt säen, um später diesen Charakter zu ernten? Und dann noch etwas weiter gedacht: Was musst du tun, um diese Saat, diese kleine Pflanze, zu kultivieren, damit sie wachsen kann? Hier geht es dann um kleine Gewohnheiten und Routinen in deinem Alltag. Sie sollen dir helfen, stetig an der Veränderung deines Wesens zu arbeiten, das Gute zu wählen und das Schlechte immer mehr zu verdrängen.
Vielleicht wurdest du jetzt aber auch beim Lesen dieses Beitrags auch entmutigt, weil du nicht schon zeitig das Gute gesät hast. Weil du schon so viel Zeit „vergeudet“ hast. Dann gilt auch für die dieser Satz aus der Finanzanlage: „Die beste Zeit zu starten war vor zwanzig Jahren. Die zweitbeste Zeit ist jetzt.“
