Eines der wichtigsten Themen in diesem Jahr für mich war die intensive Beschäftigung mit der Inspiration der Bibel. Mein Glaube, meine Arbeit, am Ende mein ganzes Leben hängt an der Frage, ob ich den Aussagen in der Bibel tatsächlich vertrauen kann oder nicht. Ob die biblischen Inhalte tatsächlich Gottes Wort sind und wenn ja, in welchem Umfang. Und damit verbunden auch die Frage, inwieweit die Aussagen der Bibel Autorität über mich haben.
Im Rahmen meines Theologiestudiums habe ich mich intensiv mit dem Zusammenhang von Inspiration und Autorität der Schrift befasst und dazu eine umfangreichere Ausarbeitung geschrieben. Wer also nach diesem Artikel tiefer in die Thematik, in meine Gedanken und Begründungen einsteigen will oder nach Quellen für meine Aussagen sucht, der kann sich hier meine Facharbeit gern herunterladen. Beim Nachdenken über Inspiration und Autorität der Schrift geht es am Ende auch um die Frage: Wer hat das letzte Wort? Wer ist die letzte beurteilende Instanz? Bin es ich, der Leser, oder ist es die Bibel? Diese Fragen wurden bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts noch unter den Evangelikalen (zu denen auch ich mich stolz bekenne) selbstverständlich pro Bibel beantwortet. Denn der Zusammenhang zwischen Inspiration und Autorität wird schon innerhalb der biblischen Texte hergestellt, insbesondere in den beiden klassischen „Inspirationsstellen“. In 2 Tim 3,16 ist die Inspiration der Schriften die Basis für ihre Autorität: „Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit.“ Und in 2 Petr 1 begründet Petrus die Maßgeblichkeit des „prophetischen Wortes“, auf das seine Leser „achten [sollen] als auf eine Lampe, die an einem dunklen Ort leuchtet“ (V. 19) mit der Tatsache, dass diese Worte eben keine rein menschlichen Worte sind (V. 21): „Denn niemals wurde eine Weissagung durch den Willen eines Menschen hervorgebracht, sondern von Gott her redeten Menschen, getrieben von Heiligem Geist.“ Und obwohl evangelikale Christen nach wie vor von einer Inspiration der Schrift ausgehen, so gehen doch die Meinungen darüber, wie umfassend diese Inspiration ist, seit einigen Jahrzehnten weit auseinander. Die Diskussionen aus der universitären Theologie sind auch bei uns angekommen. Deshalb will ich in relativer Kürze vier vorherrschende Inspirationsverständnisse vorstellen und zeigen, welche Folgen sie für die Autorität der Schrift haben.
Personalinspiration: Geisterfüllte Menschen schreiben ihre Worte
Unter „Personalinspiration“ versteht man die Ansicht, dass sich die Geistesleitung Gottes auf die Autoren der biblischen Bücher bezieht, nicht aber auf die von ihnen verfassten Texte. Die Autoren waren Zeugen der Offenbarung Gottes und wurden von ihm befähigt, das Zeugnis des Erlebten aufzuschreiben. Das ist vergleichbar mit einem Lehrer im Kunstunterricht, der seine Schüler „inspiriert“, ein bestimmtes Bild zu malen. Der Ausgangspunkt des Werkes ist der Lehrer, aber es ist zu 100 % die Arbeit des Schülers.
Das bedeutet, dass wir die biblischen Texte als rein menschliche Texte anerkennen müssen. Die Schreiber haben nach bestem Wissen und Gewissen ihre Erfahrungen mit Gott festgehalten; jedoch sind aufgrund ihrer menschlichen Begrenzungen Unstimmigkeiten, Fehler und Widersprüche nicht ausgeschlossen und sogar zu erwarten. Als menschliche Texte haben die biblischen Inhalte dann keine Autorität per se für uns Leser. Eine mehr als 2000 Jahre alte Botschaft aus einer ganz anderen Kultur ist für den aktuellen Leser vielleicht inspirierend oder interessant, aber keineswegs maßgeblich. Obwohl die Personalinspiration richtigerweise betont, dass „Menschen, getrieben von Heiligem Geist“ redeten (2 Petr 1,21), wird sie doch der anderen Aussage der Bibel nicht gerecht, dass „alle Schrift von Gott eingegeben“ ist (2 Tim 3,16).
Realinspiration: Das Wichtigste kommt von Gott
Im Gegensatz zur Personalinspiration bezieht sich die „Realinspiration“ auf den Inhalt der biblischen Schriften, jedoch nicht in ihrer Gesamtheit. Sie geht stattdessen davon aus, dass sich die göttliche Inspiration auf die religiösen Inhalte der Bibel bezieht. Somit muss unterschieden werden zwischen „Gottes Wort“ und „menschliches Wort“; zwischen einem wesentlichen „Kern“, der die für die Errettung notwendigen Aussagen enthält (das „Evangelium“), und einem unwesentlichen „Rand“ mit den geschichtlichen, geografischen und kulturellen Aussagen.
Damit wird getrennt zwischen der Bibel als Buch und dem tatsächlichen Wort Gottes. Und daraus folgt auch die Suche nach den Trennungslinien. Welche Aussagen sind denn tatsächlich für die Errettung notwendig? Manche Theologen meinen, wenn die Aussage eines Bibeltextes nicht dem Evangelium von Jesus Christus entspricht, dann ist sie nicht „Wort Gottes“ und somit als menschliche Schrift zu sehen und zu behandeln. Somit hat die Bibel nur Autorität in Fragen der Errettung, nicht in den anderen Bereichen. Jedoch stelle ich mich auch hier immer als Leser über die Schrift, da ich ja unterscheide und festlege, welche Stellen den „Kern“ der Schrift bilden und welche zum nicht-autoritativen „Rand“ gehören. Diese „Teilinspiration“ widerspricht aber eindeutig der Aussage, dass „alle Schrift von Gott eingegeben“ ist. Außerdem stellt sie uns vor die unlösbare Aufgabe, zwischen „Kern“ und „Rand“ zu unterscheiden. Seit Jahrhunderten sind sich die Theologen uneinig über die Trennlinie. Und es fällt auch auf, dass diese Trennung gewissen kulturellen und persönlichen Schwankungen unterliegt. Also wird die gesellschaftliche und persönliche Meinung zur Autorität in der Frage nach der Inspiration eines Textes.
Verbalinspiration I – Diktatinspiration: Gott hat die Schreiber als „Schreibmaschinen“ gebraucht
Die dritte große Sicht zur Inspiration, die „Verbalinspiration“, muss nochmal unterschieden werden. Denn verschiedene Leute meinen mit dem gleichen Begriff verschiedene Dinge. Was sie eint, ist die Sicht, dass sich Gottes Inspiration auf jedes Wort der Bibel (deshalb „verbal“) bezieht. Verschiedene Meinungen gibt es nun darüber, wie der Heilige Geist jedes einzelne Wort inspiriert hat.
Mit der „Diktatinspiration“ wird ein Vorgang bezeichnet, in dem Gott den biblischen Autoren exakt „diktierte“, was sie aufschreiben sollten. Die Autoren waren dann nur noch Instrumente oder Werkzeuge, vergleichbar mit einer Schreibmaschine oder einer Tastatur. Damit wird die Rolle der menschlichen Schreiber irrelevant. Weil die Bibel reines Wort Gottes ist, entzieht sie sich damit auch jeder historischen und wissenschaftlichen Untersuchung – die Vorstellung, das unfehlbare göttliche Wort mit menschlichen Mitteln zu untersuchen, erscheint skandalös. Ich glaube, dass diese Vorstellung gerade in konservativen, „bibeltreuen“ Gemeinden weiter verbreitet ist und in gewisser Weise eine Gegenreaktion zur historisch-kritischen Theologie ist. Denn diese lässt in ihrer Betrachtung der Bibel das Übernatürliche außen vor. Deshalb versuchen „konservative“ Theologen, das Göttliche der Bibel zu retten und wollen die Bibel und ihre Aussagen vor Sachkritik und Relativierung schützen.
Dieses Inspirationsverständnis erkennt an, dass alle Schrift von Gott eingegeben ist. Es gibt auch mehrere Stellen in der Bibel, die von Gott direkt diktiert erscheinen. Aussagen wie „So spricht der HERR“ sprechen dafür. Dieses Verständnis wird nun aber auch auf alle anderen biblischen Inhalte ausgeweitet und bringt sich in intellektuelle Schwierigkeiten, wenn man dann z. B. die Abschnitte aus den persischen Hofarchiven in Esra 7 auch als göttlich inspiriert ansehen muss. Außerdem werden die Stellen missachtet, welche die aktive Rolle der Schreiber beim Verfassen der biblischen Schriften betonen. Somit besteht bei der Auslegung die Gefahr, alles als „gleich gültig“ zu betrachten und den historischen und literarischen Kontext einer Stelle zu missachten. Paradoxerweise führt damit das Bestreben, die Bibel so zu verstehen, wie es geschrieben steht, gerade dazu, sie nicht so zu verstehen, wie sie verstanden werden will.
Verbalinspiration II – Ganzinspiration: 100 % Gotteswort und 100 % Menschenwort
Die „Ganzinspiration“ sagt aus, dass Gott die Bibel in ihrer Gesamtheit inspiriert hat; es gibt keinerlei Inhalte, die nicht von ihm inspiriert sind. Gleichzeitig erkennt sie aber auch an, dass Gott sich zur Verfassung menschlicher Schreiber in ihren unterschiedlichen historischen Kontexten, mit ihren verschiedenen Persönlichkeiten gebraucht hat. Sie waren nicht einfach nur willenlose Werkzeuge. Diese Sicht macht deutlich, dass die Bibel eine doppelte Autorenschaft hat: zuerst Gott und als zweites die Menschen.
Wenn Gott individuelle Menschen mit ihren Eigenheiten gebraucht hat, dann sollten wir auch Unterschiede in Stil und Wortwahl zwischen den verschiedenen Schreibern erwarten. Das soll aber nicht bedeuten, dass deshalb auch Fehler und Irrtümer zu erwarten wären. Da Gott der primäre Autor der Bibel ist, ist es für ihn kein Problem, einen fehlerfreien Schreibprozess zu gewährleisten. Das heißt auch, dass wir nicht trennen können in „göttliche“ und „menschliche“ Inhalte; beide sind unlösbar ineinander verschlungen. Somit hat auch alles, was in der Bibel steht, göttliche Autorität. Diese Sicht wird den Aussagen der Bibel zu ihrer Herkunft am besten gerecht. Auch Jesus selbst hatte diese Sicht über die Schrift. Er geht von den Geschichten des Alten Testaments als historischen Tatsachen aus. An mehreren Stellen macht er klar, dass die menschlichen Worte im AT tatsächlich Gottes Worte sind (Mt 19,4–5; Mt 22,41–46; Mk 7,10–13).
Aus dieser Sicht ergeben sich für uns drei Konsequenzen:
- Wir können Vertrauen in die Aussagen der Bibel haben. Denn alles, was wir lesen, ist von Gott inspiriert und so gewollt. Es gibt keine Stellen, die nur auf menschliche Ideen zurückgehen, eine Trennung innerhalb der Bibel ist unmöglich.
- Wir sollen beim Lesen offen sein für Gottes Reden. Wenn die Bibel tatsächlich Gottes Wort ist, dann könnte „so spricht der HERR“ vor jedem Bibelbuch stehen. Dann ist das Lesen der Bibel die direkte Ansprache Gottes an uns.
- Wir sollen die Bibel und ihre Hintergründe erforschen. Gott hat sich bestimmter Menschen in konkreten Umständen bedient, um sein Wort zu kommunizieren. Diese Tatsache ermuntert uns zum historischen Forschen, um den Kontext der Schriften bestmöglich zu verstehen. Wir sollen die geschichtlichen und kulturellen Hintergründe der Texte verstehen, literarische Eigenarten wahr- und ernst nehmen.
Die Ganzinspiration und die daraus folgende absolute Autorität machen die Bibel zum Fundament des christlichen Lebens und der Lehre. Alles, was wir brauchen, um ein gottgefälliges Leben als Nachfolger Jesu zu führen, finden wir in der Bibel. Von Jesus ausgehend müssen wir feststellen, dass es kein objektiveres und historisch vertrauenswürdigeres Zeugnis von der Offenbarung Gottes an uns Menschen gibt als die Bibel. Wenn wir also Jesus nachfolgen und seine Worte ernst nehmen wollen, müssen wir auch die Bibel in ihrer Gesamtheit ernst nehmen.
