Rund um die Weihnachtszeit gibt es die unvermeidlichen Artikel und Videos von Theologen, die erklären, was denn damals in der „Heiligen Nacht“ wirklich passiert ist. Immer wieder wird dabei betont, dass die Jungfrauengeburt heute nicht mehr geglaubt werden könne. Und da stellt sich die Frage, wie essenziell der Lehre von der Jungfrauengeburt denn tatsächlich für den christlichen Glauben ist? Ist es wirklich notwendig, sie zu bejahen? Oder bauen wir damit nicht unnötige Hürden für das Evangelium auf?
Gavin Ortlund nennt in seinem hervorragenden Buch Wofür es sich zu kämpfen lohnt – und wofür nicht drei Merkmale erstrangiger Lehren, die den Kern des Glaubens ausmachen:
- Sie sind eng verknüpft mit der Autorität der Bibel. Die Annahme oder Ablehnung der Lehre geht gleichzeitig mit der Annahme oder Ablehnung der Bibel als Wort Gottes einher.
- Sie steht in größeren weltanschaulichen Konflikten mit aktuellen Trends oder Irrlehren.
- Das Evangelium nimmt Schaden, wenn wir diese Lehre leugnen.
Ich glaube, dass die Jungfrauengeburt Jesu jedes dieser drei Merkmale erfüllt und wir sie deshalb auf keinen Fall aufgeben sollen.
Die Jungfrauengeburt ist verknüpft mit der Autorität der Bibel. Die Aussagen der Bibel zum Thema sind eindeutig. In beiden Geburtsgeschichten in den Evangelien wird klar, dass Maria und Josef noch nicht miteinander geschlafen hatten, als Maria schwanger wurde (Mt 1,18; Lk 2,34). Die Jungfrauengeburt ist also keine biblische Lehre, die Interpretationsspielraum offen lässt. Zu anderen Themen, wie dem Tausendjährigen Reich oder den Schöpfungstagen, gibt es unter Gläubigen seit 2000 Jahren verschiedene Meinungen. Stattdessen wurde die Jungfrauengeburt von Anfang an klar gelehrt und geglaubt und wurde sogar in die großen Glaubensbekenntnisse aufgenommen, die konfessions- und denominationsübergreifend geglaubt werden. Bis vor 100 bis 200 Jahren hat niemand ernsthaft an ihr gezweifelt.
Die Jungfrauengeburt steht im Widerspruch zu einem naturalistischen Weltbild. Zweifel an der Jungfrauengeburt kamen mit dem Aufstieg der naturalistischen Betrachtungsweise der Bibel auf. Wenn die Bibel als menschliches Dokument gesehen wird und Gott als Handelnder keine Rolle spielt, dann müssen Wunderberichte skeptisch betrachtet werden. Denn als übernatürliche Ereignisse widersprechen sie der „natürlichen“ Ordnung. Somit wird die Jungfrauengeburt allein aus dem Grund abgelehnt, dass wir nicht glauben, dass so etwas möglich sei. Diese Ablehnung basiert jedoch auf der Grundsatzentscheidung, dass Gott und das Übernatürliche nicht als Erklärungsmodelle zugelassen sind. Somit stehen sich hier zwei widersprechende Weltanschauungen gegenüber. Glen Scrivener hat den Kontrast und die notwendigen „Glaubensschritte“ dieser Weltanschauungen hervorragend auf den Punkt gebracht:
Christen glauben an die Jungfrauengeburt Christi. Atheisten glauben an die Jungfrauengeburt des Universums. Suchen Sie sich ihr Wunder aus.
Die Jungfrauengeburt ist notwendig für unsere Errettung. Das Evangelium sagt, dass wir Menschen so sündig sind, dass wir uns nicht selbst retten können. Stattdessen musste Gott eingreifen. Jesus wurde unser Stellvertreter, sowohl im Leben als auch im Sterben. Dafür ist die Jungfrauengeburt absolut notwendig. Denn da Jesus von dem Heiligen Geist in Maria gezeugt wurde, war er heilig, also ohne Sünde (Lk 1,35). Weil Jesus ohne Sünde war, konnte er das perfekte, sündlose Leben führen, zu dem kein Mensch seit Adam, dem ersten Menschen, mehr in der Lage war. Und da er aber von Maria geboren wurde, war er auch vollkommener Mensch und konnte so als Stellvertreter vor Gott die Sünden der Menschheit tragen. Und durch die Jungfrauengeburt wird deutlich, dass wir Menschen nichts zu unserer Errettung beigetragen haben. Nur Gott allein kann uns retten. Gott musste aktiv werden, um das Kind zu zeugen. Der Retter kann nicht aus menschlichen Anstrengungen gebracht werden. Maria und Josef konnten sich nicht beglückwünschen, dass sie für den Retter der Welt verantwortlich waren. Es war allein Gottes Werk! Ebenso können wir nichts zu unserer Rettung beitragen. Gott ist der aktive Part; er muss zuerst in uns Menschen arbeiten und unsere Herzen für seine Wahrheit öffnen, damit wir uns für ihn entscheiden können.
Ohne Jungfrauengeburt wäre die „Gute Botschaft“ nicht gut! Denn dann würde es an unserer Leistung und Anstrengung liegen, vor Gott gut dazustehen und ihm zu gefallen. Stattdessen zeigt uns Gott, dass wir zur Errettung tatsächlich so kommen, „wie die Jungfrau zum Kinde“: Durch Gottes Gnade, in der er sich uns zuwendet und die wir nur als ein unverdientes Geschenk annehmen können. Das will ich auf keinen Fall aufgeben.
